Marcel Breuer: DER KUFENHOCKER B9

Marcel Breuer absolvierte von 1920 bis 1924 eine Lehre in der Tischlerei des Bauhauses, die er mit der Gesellenprüfung abschloß. Nach einem Parisaufenthalt übernahm er 1925 die Leitung der Tischlerei des Bauhauses in Dessau.

1925/26 entwickelte er seine ersten Stahlrohrmöbel. Erstmalig wurden sie im Juni 1926 zur Einrichtung der "Meisterhäuser" verwandt. Das glänzende, vernickelte Stahlrohr verlieh den Möbeln Eleganz. Im Dezember 1926 wurde die Kantine des neuen Bauhausgebäudes mit Kufenhockern eingerichtet, die mit einer strapazierfähigen, grauen Schutzfarbe versehen waren.

Die "De Stijl"-Ästhetik, die Thonet-Bugholzmöbel sowie die neuen Sitze aus Metall für Autos, Traktoren und Flugzeuge haben M. Breuer sicherlich auch zu neuen Ideen angeregt. Der Kufenhocker, M. Breuers konsequentestes Stahlrohrmöbel, folgt hingegen keinem bis dahin bekannten Muster.

"der stahl, ein annähernd homogenes material, ist viel eher in besonders widerstandsfähige formen (querschnitt z.b. rohr) zu bringen als das durch seine faserung und ungleichmäßige beschaffenheit in seinen mechanischen eigenschaften beschränkte holz."
Marcel Breuer, 1927.

Das neue Metall Duralumin probierte er für seine Möbel in den Junkers-Werken aus, da dort entsprechende technische Erfahrungen und Vorrichtungen vorhanden waren. Ein Prinzip Hugo Junkers war, neue Entwicklungen auf einem Gebiet auch auf völlig anderen Gebieten anzuwenden.
Aus Kostengründen wechselte M. Breuer zum Stahlrohr über. Auch mit diesem Material konnte er seine Möbelentwürfe effektiv umsetzen.

Karl Körner hat "... in der Zeit von 1925 bis 1928 für den am Bauhaus Dessau tätigen Marcel Breuer, alle Stahlrohr-Neuentwicklungen in Form sogenannter Lehrmodell (Unikate) nach dessen Angaben gefertigt ..."
"Die Stahlrohrmodelle entstanden in Form von Mustern im Maßstab 1:1 nach Skizzen, Zeichnungen und persönlichen Hinweisen von Breuer, ..."
"Anfangs wurde mit Duraluminiumrohr gearbeitet."

Anmerkung: Der hier erstmalig gezeigte Kufentisch/hocker mit Duralumin-Gestell aus dem STUHLMUSEUM BURG BEVERUNGEN ist solch ein Lehrmodell.

"An den jeweils fertigen Originalmodellen wurden solange Sitz-und Belastungsproben durchgeführt, bis eine endgültige Form in Bezug auf Sitz-höhe, Breite und Sitzwinkel der Rückenlehne, ggf. auch der Armlehne vorlag. Dabei strebte Marcel Breuer stets eine bestmögliche konstruk-tive und technische Form an, die seinen künstlerischen
Empfindungen entsprechen musste."


Marcel Breuer hat "... das vorher zusammengeschweißte Stahlrohrmodell in sinnvoll gegliederte Einzelteile zerlegt und danach wieder montiert."

Anmerkung: Einen Gegenstand in Einzelteile zergliedern, diese einzeln zu prüfen, auch auf rationelle Fertigungstechniken, zu verbessern und dann wieder zu montieren, entsprach dem Arbeitsprinzip Hugo Junkers.

Auszug aus einem Interview vom 9.3.2001, das Helmut Erfurth, Dessau, im Auftrag des STUHLMUSEUMS BURG BEVERUNGEN mit Fritz Müller (geb. 1910) führte, der als Flugzeugmechaniker-Lehrling bei Karl Körner an Marcel Breuers Sessel- und Hockerprojekt mitgearbeitet hat.



"Kunst und Technik - eine neue Einheit"

"Marcel Breuer entwarf und baute nicht nur die ersten Stahlrohrmöbel zwischen 1925 und 1928 in Dessau, er versuchte, auch diese bereits zu typisieren. So konnte nach einer kurzen, aber intensiven Entwicklungsphase ab 1926 eine industriemäßige Serienfertigung anlaufen. Dabei entwickelte Breuer seine Stahlrohrmöbel stets soweit, daß eine weitere Variierung der Grundtypen fast ausgeschlossen erschien."
Dessau, 1986

Karl Körner (1905 - 1986),
Schlosser und Lehrgeselle in den Junkers-Flugzeugwerken (IFA)

Anmerkung: Ein Grundsatz am Bauhaus war die Funktionsanalyse oder "Wesensforschung"
(W. Gropius, 1926). Sie sollte zum Typ eines Produktes führen, das eine eindeutige Lösung darstellt und somit zeitlos ist.

 



Lehrling an der Biegebank in den Junkers-Werken, 1927
Auf der Werkbank liegen gebogene Rohre für die Armlehnen des "Wassily-Sessels".

 



Am 13.9.1926 erhielt M. Breuer
für seine Metallmöbel einen
Gebrauchsmusterschutz in
Deutschland.
Am 12.9.1927 wurden diese Möbel
durch ein französisches Patent geschützt.

 


Breuer-Hocker in der Kantine des Bauhauses,
Kufen mit Schraubverbindung, graue Schutzfarbe, Sitz angeschraubt
Foto: Erich Consemüller, 1927

 


Meisterhaus für Walter Gropius
vernickelter Breuer-Hocker,
Kufen mit Schraubverbindung, Sitz angeschraubt.
Foto: Lucia Moholy, 1926

 


Die Kinder des Malers und
Bauhausmeisters Oskar Schlemmer
Breuer-Hocker
Foto: Lucia Moholy, 1927